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Dinkelsbühl | Germany -
Bild vom Marsh Vocals Workshop mit Britta Görtz beim Summer Breeze 2025

ein professionelles Huhn – Britta Görtz

Freitag, 14.08.2026, 14:00 Uhr, Campsite Circus Stage HARSH VOCAL SCHOOL

Eine Frage vorab: Was hat es mit Gesine auf sich? Wer schon gestern beim HARSH-VOCAL-WORKSHOP war, kennt die Antwort. Alle anderen erfahren es später. Jedenfalls ertönt der Name auffallend häufig – selbstbrüllend guttural intoniert.

„Ich habe recht spät angefangen.“

VERDAMMT, IST DAS HEISS!!! Sorry, ich wollte gar nicht so laut werden. Aber darum geht es doch, oder? Absolut. Und dass sich so viele Menschen mitten in den Brutkasten stellen, um sich anschreien zu lassen, ist – nun, ehrlicherweise überhaupt nicht erstaunlich. Denn Britta Görtz hat sich einen enorm guten Ruf auf und abseits der Bühne erarbeitet und zu der Screamqueen der hiesigen Szene entwickelt.

Dabei ist sie eher eine Spätzünderin. Im Gespräch erfahren wir, dass sie 2004 die beiden Gitarristen kennengelernt hat, mit denen sie CRIPPER (inzwischen leider nicht mehr aktiv) gegründet hat. „Da war ich schon 25 Jahre alt. Ich habe recht spät angefangen. An sich ist es aber ganz egal, wann man anfängt. Meine älteste Schülerin hat mit 74 Jahren angefangen.“

Was ist das Zwerchfell?

Als die Musik vom Band ausgeht, ertönen die ersten Growlversuche aus dem Publikum. Es folgt tosender Applaus, denn Britta betritt die Bretter – schickt uns gern Videos davon, wie ihr den kursiven Zungenbrecher mehrmals hintereinander growlt oder screamt.

Die Initiatorin und Moderatorin ist authentisch und sympathisch wie immer. Schon ihr Intro kommt mit viel Witz und Charme daher. Doch die Entertainmentparts wirken keineswegs geskriptet, sondern aus dem Bauch heraus. Passende Quizfrage: Das Zwerchfell ist ein …? Korrekt, ein Muskel – sogar der zentrale, wichtigste Atemmuskel.

Britta fragt in Runde, wer schon Erfahrung hat. Es zeigt sich: Die meisten haben keine Ahnung von Gesang. Dann seid ihr ja genau richtig hier. Vor ihrer ersten Gesangslehrerin Frau Nasemann hat sie selbst autodidaktisch angefangen, als es „zum Beispiel YouTube oder soziale Medien noch nicht einmal gab“. Sie habe einfach „versucht nachzumachen, was meine Kollegen, die damals zu 99,9 % männlich waren, da so machen. Spannend, wenn man das zurückblickend betrachtet.“ Und schön, dass es sich geändert hat.

Die Messias von nebenan

Mich interessiert, ob es lustige Geschichten aus der Zeit des heimischen Übens gibt. „Ja, da gibt es einige Anekdoten. Ein Nachbar hat mich einmal ganz verlegen am Briefkasten angesprochen, ob ich einer Sekte angehören würde. Meine Stimme klang bei ihm, der unter mir wohnte, als ob ich den ganzen Tag ‚Messiah‘ rufen würde.“ Trotz Aufklärung ihrerseits war er, wie sie sich erinnert, nicht wirklich beruhigt am Ende.

Inzwischen habe sie den „besten Job der Welt“, sagt sie. Denn sie schreit ihre Kund:innen an, sie schreien zurück und alle finden es super. Der heutige Workshop ist ein Spiegel dessen, denn die Mitmachmotivation des bewusst interaktiv angelegten Programms ist extrem hoch. Das beginnt schon beim „Warm-up mit doofem Gesicht“, das sie ungeniert vormacht, und dem gemeinsamen Hampelmann beziehungsweise der Hampelfrau.

Harsh Vocals sind heute ihr Vollzeitberuf – als Fronterin bei HIRAES (zuletzt auch interimsweise bei HEAVEN SHALL BURN) und als Coachin. Letzteres als Präsenzunterricht im neuen Studio in Hannover oder per Video mit Menschen aus verschiedenen Ländern. In der niedersächsischen Hauptstadt findet zudem das HARSH VOCAL CAMP statt, das für 2026 erneut ausverkauft ist.

„Ich bin ein Huhn namens Gesine.“

Die Dynamik zwischen Britta und den Schüler:innen ist besonders, das spüren wir auch heute sofort. Sie ist einfach eine beeindruckende zwischenmenschliche Brückenbauerin, sodass schnell eine Verbindung entsteht, auf der Scham keine Rolle spielt. Das macht die Gastgeberin auch eindrucksvoll vor, indem sie beispielsweise erzählt, dass sie nicht rülpsen kann, und sich nach einem Zuruf aus der Menge selbst als Huhn namens Gesine bezeichnet. Logisch, dass sich gleich mehrere melden, als sie fragt, ob jemand auf die Bühne kommen möchte.

So unterhaltsam das Ganze auch ist, an Professionalität fehlt es zu keiner Zeit. Allein in dieser Stunde erfahren wir allerhand Wertvolles: wie wir uns warmmachen, was wir vermeiden sollten (beispielsweise aufgrund der ungünstigen Sitzhaltung im Auto zu üben), welche Techniken es gibt, wie es mit der Atmung funktioniert und, und, und. Stimmpflegetipp #1: Klappe halten.

Was sind denn typische Warnzeichen, die man unbedingt ernst nehmen sollte? „Es gibt gewisse rote Flaggen, die man nicht ignorieren sollte. So etwas wie Husten, Kratzen oder Kitzeln im Hals oder einen Würgereflex sollte man nicht ignorieren. Leider ist es allerdings so, dass man eine Überlastung der Stimme nicht sofort merkt, weil die Stimmlippen eben nicht taktil, also fühlbar sind.“

Gerade am Anfang muss man sich darauf einstellen, auch Fehler zu machen. Wichtig sei es, achtsam zu bleiben und „häufiger kurze Einheiten zu machen. Langer Rede kurzer Sinn: langsam starten und ein Gefühl für die Sache entwickeln. Ach so, und auf gar keinen Fall sollte man davon ausgehen, dass Stimmlippen sich an die Überbelastung gewöhnen.“ Werden wir beherzigen!

So, und wer ist nun Gesine? Dabei handelt es sich um eine Schülerin von Britta, die immer ganz lustige Sachen sagt. Der Running Gag ist gestern bei der ersten HARSH VOCAL SCHOOL auf dem SUMMER BREEZE 2026 entstanden. Das „School on the road“-Prinzip fährt sie übrigens auch auf anderen Festivals, „aber hier fühle ich mich am wohlsten.“

(Andre)