13.30 Blasmusik Illenschwang

Die Ehre, die Camel Stage zu eröffnen, gebührte am Mittwoch selbstverständlich einem echten Urgestein des SUMMER BREEZE. Um kurz nach halb zwei Uhr betraten die mit roten Westen bekleideten Publikumslieblinge von der BLASMUSIK ILLENSCHWANG unter lauten Anfeuerungsrufen die neu überdachte Bühne und entfesselten schon mit den ersten Tönen ihrer Blechblasinstrumenten zahlreiche Pits und Pogo-Tänze. Es dauerte nicht lange, da gab es zum Evergreen „Böhmische Liebe“ die erste Wall of Death. Die zahlreichen Crowdsurfer sorgten ihrerseits bei den “Grabenschlampen“ für einen zünftigen Arbeitseinstand. Der traditionelle Blasmusik-Auftakt erreichte mit einer auf dem ausgedörrten Acker fast schon surreal anmutenden Version von „Ihr Kinderlein kommet“ des Dinkelsbühler Priesters, Schriftstellers und Liedermachers Christoph von Schmid seinen Höhepunkt, der an eben diesem Tag 250 Jahre alt geworden wäre. Ausgerechnet hier patzte Bandleader Harich Günther textlich ein wenig – was der Stimmung allerdings keinen Abbruch tat. Insgesamt sorgte die BLASMUSIK ILLENSCHWANG wieder einmal für einen gut festgestampften Infield-Rasen und beste Stimmung für die folgenden vier Tage Schwermetall.

14.30 Any Given Day

“Never Say Die! Never Say Die!“ schmetterte es zur Mittagszeit aus dem Publikum. Springende Fans wirbelten glücksselig ihre bunten Matten durch die Luft. Was mit wenigen Crowdsurfern noch recht zaghaft begann, entpuppte sich vor der T-Stage dann schnell zur ausgelassenen Open-Air-Party. Das Breeze hatte ganz offensichtlich Bock!
Neben Muskeln und Tattoo-Sleeves  brachten ANY GIVEN DAY eine geballte Ladung Bass und wolkenlosen Metalcore auf die Bühne. Die gut gelaunten Jungs aus Gelsenkirchen heizten der versammelten Menge mit Leichtigkeit ein und verzichteten fast gänzlich auf eine Bühnenshow. Die wäre bei deren Begeisterungsfähigkeit auch nicht nötig gewesen. Zum Schluss salbten sie mit dem Rihanna-Cover “Diamonds“ so manche Wunde, die im Zuge etlicher Circle Pits oder bei der Wall of Death entstanden waren. Und bei der Nummer war natürlich nicht nur die erste Reihe textsicher .

15.15 Monument

Für die vielen Iron Maiden-Fans auf dem Platz, gab’s mit MONUMENT direkt ein erstes Festival-Highlight. Das britische Quintett mit dem deutschen Gitarristen klingt astrein wie eine neue Ausgabe der Jungfrauen. Angefangen bei dem hohen Gesang von Peter Ellis über die Soloduelle der Gitarristen sind alle Zutaten des klassischen Metal-Sounds vorhanden. Den Fans gefiel das offensichtlich, denn schon nach dem zweiten Song brachen die „MONUMENT“-Chöre nicht mehr ab. Ein Grund dafür war wohl die sehr auf das neue Album „Hellhound“ fokussierte Setlist. Besagte Platte hat es in Deutschland nämlich auf Platz 50 der Albumcharts geschafft, wofür Frontmann Ellis sich ausgiebig bedankte. „Germany feels like our second home now!“ Bei „Wheels Of Steel“ schnappte sich der Sänger einen Riesen-Teddybär aus dem Publikum. Immer wieder hielt er ihm sein Mikro vor, um die Anwesenden zum Mitsingen zu animieren. Set-Abschluss war der Band-Klassiker „Lionheart“. Gitarrist Dan Baune versprach aber, im Anschluss noch das ein oder andere Bier mit den Fans zu trinken!

16.00 The Night Flight Orchestra

Sehr geehrte Passagiere, Kapitän Björn Strid und seine THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA-Crew heißen Sie herzlich willkommen an Bord des SBOA-Fluges NFO2018 in den cheesy Weltraum der Achtziger. Ihre verantwortlichen Flugbegleiterinnen heißen Anna-Mia Bonde und Anna Brygård und werden Sie ebenfalls über die Gesamtzeit des Fluges bei Laune halten. Sie haben die Ehre, dem ersten Flug von Dinkelsbühl aus in dieser Maschine beizuwohnen, der ersten ihrer Art, die allein durch Champagner betrieben ist. Wir bitten Sie daher, schweren Ballast daheim zu lassen und nur Leichtgepäck mit an Bord zu nehmen. Ihre Flugzeit ist mit rund 40 Minuten vorausberechnet. Bitte bringen Sie Ihre Sitze in eine bequeme Lage, während wir mit „This Time“ in den Hyperraum starten. Wir dürfen Sie nun bitten, Ihre Sicherheitsgurte zu lösen und diese locker zu halten. Zu Sicherheit Ihrer eigenen Stimmung empfehlen wir, diese während des gesamten Fluges gelöst zu halten, sodass Sie sich frei bewegen können, wenn Kapitän Strid Sie mit „Turn To Miami“ oder „Gemini“ zum Tanzen animiert. Der Gebrauch von Mobiltelefonen ist an Bord dieses SBOA-Fluges gestattet und Sie dürfen den Kapitän nach eigenem Ermessen bei der Arbeit fotografieren. Bitte beachten Sie das Raucher-Gebot, das während des gesamten Fluges gilt. Sollten Sie Fragen haben, entnehmen Sie weitere Informationen bitte unseren aktuellen Bordmagazin „Sometimes The World Ain’t Enough“. Wir bedanken uns für Ihre Aufmerksamkeit und wünschen Ihnen einen angenehmen Flug.

16.45 Deathrite

Für die erste wirklich heftige Attacke des Tages (und des diesjährigen Festivals überhaupt) sorgten DEATHRITE, die ihren Jungfern-Gig auf dem SUMMER BREEZE mit wenigen Minuten Verspätung auf einer komplett eingenebelten Camel Stage begannen. Fast zeitgleich mit den letzten Klängen von THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA auf der T-Stage stiegen die Dresdner in ein Set mit erstaunlicher Schlagseite des noch unveröffentlichten neuen Albums „Nightmares Reign“ ein: sowohl Intro und Opener als auch die letzten drei Songs stammten allesamt vom kommenden Opus. Dazwischen gab es aber die bekannte Kost rohen Todesbleis, die DEATHRITE scheinbar mühelos zwischen Uffta-Uffta-Gehacke, Midtempo-Groove und Asphyx-Doom wechselnd mit dem ein oder anderen Solo garniert servierten. Dass das Upgrade der Camel Stage zu einer deutlich größeren Bühne gerade solch brachialen Bands zu Gute kam, bekam ein gut gefüllter Platz zu spüren – DEATHRITEs Sound briet maximal und zog einiges an Laufkundschaft, wenn auch der Mix ein wenig arg Bass-lastig ausfiel. Dem geneigten Genre-Liebhaber dürfte es egal gewesen sein, da DEATHRITE für einen permanent schwelenden Moshpit sorgten.

17.30 Farmer Boys

Im Rahmen der Nuclear Blast-Labelnight folgten auf die famosen THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA die schwäbischen FARMER BOYS. Eine recht schmoover Übergang, denn beide Bands arbeiten sowohl mit catchy Melodien, als auch mit beherztem Keyboardeinsatz. Im Vergleich zu ihrem letzten Besuch 2011 hat sich bei den Boys zwar gleich auf drei Positionen das Besetzungskarussell gedreht, die Trademarks sind und waren aber seit jeher der Pathos-geschwängerte Gesang von Matze Sayer und die unverwechselbare Riffarbeit von Alexander Scholpp. Und trotz stechender Sonne, war die Fläche bis zum Mischpult bereits zu Beginn proppenvoll, als die Band mit „When Pigs Fly“ fulminant in ihr Set startete. Und obwohl das letzte Album der Band bereits 2004 erschienen ist, zeigten sich die vorderen Reihen durch die Bank textsicher – und zwar sowohl bei älteren Songs wie dem abschließenden „Here Comes The Pain“ als auch bei den beiden neuen Songs im Set. Als Resümée passt optimal der Titel des im November erscheinenden neuen Albums: „Born Again“.

18.15 Auðn

Atmosphärischer Black Metal hat zur frühen Abendstunde ein fundamentales Problem: die Sonne. Doch unverzagt stellten sich AUÐN den hitzebringenden Strahlen der trüben Himmelsfunzel und ließen im Schatten des ausladenden Camel Stage-Daches eisige Düsternis in die Herzen der ansehnlichen Zuschauerschar einziehen. Etwas weniger schwülstig ausgedrückt gaben die Isländer einen bunten Reigen an schwarzmetallischen Stücken zum Besten, deren weit tragende Melodiebögen auch ihren Landsmännern Sólstafir zur Ehre gereicht hätten. Mit schneidenden Riff-Attacken und Blastbeats schlugen AUÐN dabei jedoch eine merklich härtere Gangart ein, die allem jugendlichen Ungestüm zum Trotz von einer ausgereiften No-Bullshit-Attitüde zeugte. Da passte es gut ins Bild, dass Sänger Hjalti Sveinsson nahezu alle Ansagen komplett in seiner isländischen Muttersprache beließ. Und wo sich die Fans auf „við erum AUÐN frá Reykjavík“ vielleicht noch einen Reim zu machen vermochten, blieb der Rest des Gesagten ebenso kryptisch wie das Gesungene – oder sollte man besser sagen „das heiser Gebellte“? Völlig egal, denn wo es am Verständnis der Worte gefehlt haben mochte, begriff das Publikum doch, worum es hierbei wirklich ging: den Gänsehaut verursachenden Transport von Emotionen.

19.00 Kataklysm

KATAKLYSM war wohl die Band, die die Anwesenden bereits im Vorfeld gespalten hat: Auf Seiten ihrer zahlreich erschienenen treuen Gefolgschaft herrschte ungeduldiges Warten, auf Seiten der breit aufgestellten Security Kräfte gab es allerdings auch eher mulmige Gesichtsausdrücke. Die wussten nämlich ganz genau, was ihnen mit Konzertbeginn der Kanadier blühen würde – um den berühmt-berüchtigten “Security-Stress-Test“ kam auch auf dem SUMMER BREEZE keiner herum. Nachdem die harten Death Metal-Biester das Arbeitskontingent im Graben vor der Bühne mit dem auf einem Justin Bieber-Konzert verglichen hatten, trotzten sie mit brutalem Gemetzel jedweder zuvor angekündigten Müdigkeit. Im Nu ruderten die hinteren Reihen über die Köpfe der Menge direkt in die Arme des bereitstehenden Sicherheitspersonals und jagten anschließend mit strahlenden Gesichtern zurück in die Crowd um sich erneut auf die Reise zu machen. Mit einer gewaltigen und bestens geölten Death Metal-Maschine machten KATAKLYSM die Szenerie indes dem staubigen Erdboden gleich. Die Instrumente dabei locker in den Kniekehlen hängend, sah man dazu sowohl auf als auch vor der Bühne nur noch rotierende Köpfe. Am Ende eines jeden Songs konnte sich die Band über eine enorme Wand aus staubigen Fäusten freuen, die eisern in den Sonnenuntergang gereckt wurden. Nach einer Stunde waren sämtliche Ohren im Umkreis dermaßen zerrockt worden, dass so manchem Zuhörer wohl sogar vereinzelte klangvolle Gitarrensoli gerade recht kamen, bevor KATAKLYSM dann aber schnell wieder zurück in den Mittelfingermodus schalteten. Ihren souveränen Auftritt krönten sie mit “The World Is A Dying Insect“ und, perfekt dazu passend, grimmigen “Fuck you all!“-Rufen.

20.00 Ram

Der nächste Act auf der Camel Stage kündigte sich mit lautstarkem Gitarrenfeedback an. RAM mögen es eben gerne etwas grober. Nieten und Leder bestimmten das Bühnenoutfit der Schweden. Dementsprechend authentisch zelebrierten sie ihren klassischen Heavy Metal, der nicht selten an die Genre-Überväter Judas Priest erinnerte. Sänger Oscar Carlquist dirigierte das Publikum souverän durch die energiegeladene Show. Fäuste wurden in die Luft gereckt und insbesondere die fanfreundlichen „Whohoho“-Chöre hat die Crowd begierig aufgenommen und lauthals mitgesungen. Und auch um das körperliche Wohlergehen seiner Zuschauer war Carlquist dabei äußerst besorgt. „I want you to break your fucking necks to this next song“, forderte er vor „Incinerating Storm“. Das ließen sich die anwesenden Headbanger nicht zweimal sagen und prompt rotierten überall die Mähnen. Doch neben solchen Speed-Granaten wurden vor allem epische Stücke wie „Gulag“ besonders dankend von der Meute aufgenommen. RAM verließen die Bühne jedenfalls unter lautstarken „Zugabe“-Forderungen.

20.00 Morbid Alcoholica

Wenn es dieses Jahr auf dem SUMMER BREEZE eine Band gibt, die die Grundtugend Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll garantiert verkörpert, dann sind es wohl zweifelsohne MORBID ALCOHOLICA. Noch bevor der oberschwäbische Bierbomber überhaupt gelandet ist, skandieren die begeisterten Jünger des Quintetts bereits lautstark Trinksprüche. Als das Fünfergespann schließlich unter lautem Applaus aufläuft, wird schnell klar, was die nächste Stunde mit sich bringen wird. Von Beginn an geben die Verfechter des übermäßigen Alkoholkonsums alles und punkten beim Publikum mit ihrer Kombi aus schnellen Gitarren, donnernden Drums und durchgeknallten Texten. Als absolute Krönung des Abends erweist sich dann jedoch die Bühnenshow. Neben Stripperinnen, Konfetti und eigenen Fahnenträgern sticht vor allem die abgefahrene Deko ins Auge. Aufblasbare Penisse, diverse Sexpuppen und ein mit Bierdosen drapiertes Mikro zeigen, dass die Schwaben einen ganz besonderen Sinn für Humor haben. Den Fans gefällt es und zum Dank für die gute Unterhaltung wird gemosht, getanzt, gesprungen und gejubelt. Spätestens als die schwäbischen Spaßkanonen ihre schwermetallische Version von „Country Roads“ zum Besten geben, bebt der ganze Campground. MORBID ALCOHOLICA krönen sich an diesem frühen Abend fraglos zu den unangefochtenen Königen der Ficken Party Stage.

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20.45 Sepultura

Seit knapp zwei Jahren touren SEPULTURA bereits mit ihrem aktuellen Album „Machine Messiah“ durch die Welt, da war eine erneute Stippvisite beim SUMMER BREEZE quasi Pflicht. Immerhin blieben sie auch damit ihrem Rhythmus nach 2012 und 2015 treu, alle drei Jahre dem Acker in Dinkelsbühl einen Besuch abzustatten. Anders als beim letzten Mal meinte es der Wettergott heute aber gut mit den Brasilianern und hatte keine Sturmunterbrechung ihres Gigs in Petto. Stattdessen brachten SEPULTURA das zahlreich vor der T-Stage angetretene Publikum pünktlich und quasi von jetzt auf gleich auf Betriebstemperatur und konnten bereits beim zweiten Song „Phantom Self“ Crowdsurfer und einen ausgewachsenen Moshpit auf der Habenseite verbuchen. Entsprechend fiel das Echo diesseits der Bühne in den Songpausen aus und bescherte Fronter Derrick Green ein Jubiläum nach Maß: heute auf den Tag genau vor 20 Jahren trug es sich nämlich zu, dass der Nachfolger von Max Cavalera am Mikro seinen ersten Gig mit SEPULTURA spielte. Dies wurde dann sogleich auch standesgemäß mit dem Titeltrack vom ersten mit Green aufgenommenen Album „Against“ gefeiert und nicht nur hier merkte man den drei alten Herren Kisser, Junior und Green an, dass sie trotz der langen Zeit auf den Bühnen dieser Welt immer noch richtig Bock haben. A propos alt: was ist dieser Eloy Casagrande doch für eine Drum-Maschine! Ohne ihn würden SEPULTURA wohl tatsächlich um einiges älter aussehen, aber was seine Bandkollegen ihm an Erfahrung voraushaben, macht der muskelbepackte Jungspund mit einer unfassbar tighten Technik und hohem Intensitätslevel wett. Insbesondere „Desperate Cry“ geriet zum völligen Abriss, bevor das Quartett das Publikum mit den unvermeidlichen Klassikern „Refuse/Resist“ & „Arise“ in den Abend entließ.

21.45 Warbringer

Die Kalifornier eröffneten ihr Set thrashig-rasant und – ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen – legten im Verlauf ihres Auftritts auch noch einen gehörigen Zahn zu. Bereits zu Beginn stieg das ein oder andere Staubwölkchen aus dem Pit direkt vor der Bühne auf. Bei den ersten vier Songs konzentrierten sich WARBRINGER auf ihr aktuelles Album „Woe To The Vanquished“. Im Anschluss daran bot Sänger John Kevill dem SUMMER BREEZE-Publikum ein besonderes Bonbon an. Es folgte nämlich ein neuer Song, der erst kommenden Freitag veröffentlicht wird und den bisher nur wenige zu hören bekommen haben. „Power Unsurpassed“ kam bei der Menge aber nicht weniger gut an als altbekannte Stücke. Der ein oder andere feierte aber wohl ein wenig zu hart, denn plötzlich schälte sich ein aus dem Mund blutender Besucher aus der Menge, der es sich aber nicht nehmen ließ, nach einer kurzen Verschnaufpause etwas abseits weiter zu headbangen. Als John Kevill dann auch noch zu einer Wall of Death aufrief, geriet der Pit so in Bewegung, dass er bis zum Ende der Show nicht mehr stillstehen sollte. Abgekämpft und mit einem Grinsen im Gesicht verabschiedeten sich WARBRINGER schließlich von dem sie feiernden Publikum.

22.30 Paradise Lost

PARADISE LOST betraten die T-Stage nach einem verheißungsvollen Sonnenuntergang zu deutlich abgesunkenen Temperaturen. Atmosphärisch ein hervorragendes Setting für die schwermütige Songkost der Briten, die auch vom Start weg ihren typischen Humor am Start hatten; so war Holmes erster Satz ans Publikum ein trockenes „SUMMER BREEZE, make me feel fine!“. Die Gothic Metal-Legenden um Nick Holmes beschlossen hier ihre persönliche Festival-Saison mit dem Auftritt beim SUMMER BREEZE und hatten einen angenehm breit gefächerten Song-Katalog mitgebracht. Vom Death-Doom der Anfangsphase über fast schon tanzbare Gothic-Hits á la “Erased” bis hin zur neuzeitlichen Rückbesinnung, die ihren vorzeitigen Höhepunkt mit dem aktuellen Album “Medusa” fand. Es wurde schnell ersichtlich, dass alle Schaffensphasen der Band beim SUMMER BREEZE ihre Anhänger haben. PARADISE LOST ernteten Pommesgabeln und Crowdsurfer zuhauf. Für einen Konzertmoment der besonderen Art sorgte im letzten Drittel des Sets ein Rollstuhlfahrer, der sich auf Händen über die Menge der Versammelten tragen ließ. Gitarrist Gregor Mackintosh jubelte dem treuen Fan sichtlich bewegt zu. Gesanglich zwar nicht immer perfekt, zeigte sich Holmes ehrlich erfreut über die Publikumsresonanz und spülte seine lakonischen Ansagen über das Altern und den Tod entspannt mit einem Dosenbier herunter. Man lernte unter anderem, dass „Mouth“ „not a song about oral hygiene“ ist. Wo der eine oder andere klar gesungene Refrain zwischenzeitlich etwas unterging, klangen vor allem die Growl-Passagen druckvoll und akzentuiert. Wie so oft, waren es schließlich die 90er-Hits, die für den vorläufigen Stimmungshöhepunkt sorgten und auch die etwas lethargischeren Teile des Publikums zum Ende einer satten Stunde Spielzeit noch einmal zum Mitgehen animierten. “Shadowkings”, “As I Die” und “Say Just Words” bildeten ein triumphales Rausschmeißer-Trio. Für PARADISE LOST war damit für diesen Sommer zwar Schluss – Nick Holmes’ neu entdeckte Liebe zu den Growls sollte aber den noch ausstehenden Auftritt von BLOODBATH veredeln.

23.30 Pillorian

Die erst 2016 gegründeten PILLORIAN um den Ex-Agalloch-Sänger John Haughm haben sich auf die Fahne geschrieben, besonders düsteren Black Metal aufs Festival zu bringen. Dementsprechend fiel auch ihr Auftritt auf dem diesjährigen SUMMER BREEZE Open Air aus. Bereits ihr Intro versprühte eine beklemmende Atmosphäre. Mit einem eher death-doomigen als schwarzen Stück legten sie dann los und steigerten sich dann doch schnell; bis hin zum absoluten Geballer. Wo das Publikum zu Anfang noch ein wenig verhalten agierte, ließ es sich bald zu synchronem Kopfnicken und Headbangen hinreißen. PILLORIAN zeigten bei der musikalischen Umsetzung ein hohes Maß an Genauigkeit, weshalb auch das filigranste und schnellste Riff auf den Punkt gebracht wurde. Sie verzichteten allerdings auf Ansagen und gingen sogar so weit, zwischen all ihren Songs Intros und Samples abzuspielen. Zwar geriet die Publikumsinteraktion dadurch ein wenig ins Hintertreffen, es ergab sich aber durchaus der Eindruck eines durchdachten Gesamtkonzepts.

00.15 Graveyard

Mit ihren langen Haare, dem ausgefallenen Kleidungsstil und ihrem bluesig-psychedelischen Sound könnte man fast meinen, GRAVEYARD seien soeben aus der Zeitmaschine gestiegen. Dass die vier Schweden mit ihrem eingängigen Seventies-Sound jedoch absolut am Puls der Zeit sind, wird bereits nach den ersten Takten des Openers „Ain’t Fit To Live Here“ deutlich. Das Quartett weiß mit seiner mitreißenden Mischung aus Hard Rock, Stoner Rock und einem Hauch Classic Rock von Beginn an zu überzeugen. Mit ihren virtuosen Soli, den ausgefeilten Riffs und dem unwiderstehlichen Groove spielen die Skandinavier das Publikum schwindelig. Neue Hits wie „The Fox“ und gestandene Klassikern wie „Hisingen Blues“ heizen der Menge ordentlich ein. Trotz später Stunde zeigen sich die begeisterten Fans verblüffend tanzfreudig und spätestens beim Kracher „Goliath“ wippen selbst gestandene Metalheads euphorisch mit. GRAVEYARD punkten an diesem Abend mit ihrer großen Bandbreite und spielen sich gekonnt durch die eigene Bandgeschichte. Als sie zu guter Letzt ihr Meisterwerk „The Siren“ anstimmen, gibt es kein Halten mehr. Die Göteborger verabschieden ihre jubelnde Zuschauerschaft mit einer letzten, unvergesslichen Live-Performance in die Nacht.

01.15 Evil Scarecrow

Für die Nachtschwärmer-Fraktion gab es dann noch eine Extraportion herrlich albernen Unfug. Die Engländer EVIL SCARECROW demonstrierten mit ihrer abgedrehten Bühnenshow eindrucksvoll, dass der noch-EU-Inselstaat noch immer für die eine oder andere anarchistische Skurrilität gut ist. So wurde den Augen der Anwesenden mindestens ebenso viel geboten wie den Ohren. Und wann immer man dachte, dass der Gipfel des Klamauks bereits erklommen sei, bestiegen die bösen Vogelscheuchen eines der dort praktischerweise geparkten UFOs und schwangen sich weiter in Höhen auf, wo die Atmosphäre bereits gefährlich dünn wurde – oder sogar noch darüber hinaus in die Tiefen des Weltalls. Von dort kehrten sie mit radioaktiven Aliens und durch ihre roten Blinklicht-Augen verdächtig an Zylonen erinnernde Roboter zurück. Für Langeweile blieb da folglich kein Raum, während selbst die Akteure im Hintergrund beim ständigen Kostümwechsel und Animieren des Publikums ordentlich ins Schwitzen kamen. Zum krönenden Abschlusssong „Crabulon“ schafften es EVIL SCARECROW dann, die komplette Publikumsmeute zu einem „Crabwalk“ anzustacheln, was in Kombination mit der einen skurrilen Raumschiff-Hut tragenden Animierdame auf der Bühne vermutlich als das erste Space-Invader-Reenactment in der Geschichte des SUMMER BREEZE durchgehen dürfte.

02.00 Ross The Boss

Es war schon sehr spät und man sah es den lichteren Reihen an: Der erste Festivaltag zehrte stark an den Kraftreserven der Besucher des SUMMER BREEZE. Aber wenn ROSS THE BOSS noch einmal zum nostalgischen True Metal-Role Call ruft, dann hat man als überzeugter Metaller nun mal zu antworten. Und so fanden sich die abgekämpften Metalheads, von denen sich ein Großteil zuvor noch von EVIL SCARECROW hat bespaßen lassen und infolgedessen während des Openers „Blood Of The Kings“ nach und nach eintrudelte, vor der T-Stage wieder, die ROSS THE BOSS nebst Band überpünktlich betraten und sodann mit dem besagten MANOWAR-Klassiker fulminant und doch schnörkellos eröffneten. Ein Hammersound kracht von der Bühne auf das Infield herab und relativ schnell machte Sänger Marc Lopes auch klar, wie hier der heavy Hase laufen würde. Die Devise beim nostalgischen MANOWAR-Set, das lediglich durch zwei Nummern vom aktuellen Album „By Blood Sworn“ ergänzt worden ist, lautete „Mitsingen oder seine Metal-Karte am Empfang abgeben“. Also mobilisierte das Publikum noch einmal die letzten Kraftreserven und gab alles, was die ermüdeten Stimmbänder hergaben. Dass das nicht immer auf Anhieb klappen würde, nahm der Boss wortlos riffend, Lopes dagegen wortreich mahnend zur Kenntnis. Letzterer feuerte das Publikum immer wieder an, peitschte dieses aus dem drohenden Tiefschlaf heraus und konnte so die Aufmerksamkeit der Crowd konstant hoch halten. Und ROSS THE BOSS selbst blieb bei alledem der hervorragende, professionelle Gitarrist, der ihm den Legendenstatus bescherte. Seine beiden Kollegen an Bass und Schlagzeug hielten mit und bekamen ihrerseits ausreichend Gelegenheit selbst zu zeigen, was in ihnen steckte. Speziell Mike LePonds Bassspiel ließ immer wieder die Kinnlade herunter klappen. Und so feierte sich das Publikum unter Anleitung der Band durch ein Set voller MANOWAR-Klassiker, die in der epischen „Battle Hymn“ gipfelten, und ließen diesen Tag so zu einem mächtigen Ende kommen.